Die Corona-Pandemie – Ursachen und gesellschaftliche Gegenstrategien       

Die Zerstörung von Ökosystemen machen Krankheitsausbrüche bis hin zu Pandemien wahrscheinlicher. Foto: Pixabay-Lizenz – gemeinfrei

Wir erleben in diesen Monaten eine für die große Mehrheit der Menschen völlig unerwartete Bedrohung der menschlichen Gesundheit, und eine daraus hervorgegangene globale Lähmung menschlicher Aktivitäten. Was auffällt beim Rezipieren dieser Debatten: Es wird breit über die notwendigen Maßnahmen zur Linderung der Corona-Folgen diskutiert, über den defizitären Zustand des Gesundheitswesens auch in Deutschland, über Sinnhaftigkeit, Transparenz und Legitimität des Regierungshandelns in der Krise, über die  Ungerechtigkeit  bei der finanziellen Unterstützung derjenigen, die durch „Lockdown“ in ökonomische Bedrängnis geraten. Aber sehr wenig wird über die eigentliche Ursache dieser neuen Pandemie diskutiert, aus welchen Gründen diese neue Plage über die Menschheit gekommen ist.

Finanzminister Scholz spricht von einer Naturkatastrophe, und das ist für viele sicher eher eine beruhigende Deutung: Die Natur bringt eben ab und zu solche Desaster hervor, die Menschheit kann dann nur versuchen, die Folgen möglichst zu kompensieren.
Zur psychologischen Bewältigung kann man versuchen, die schlechten Nachrichten einfach zu verdrängen, oder sie sogar als besonders tückische Lügenkampagne der Herrschenden  zu interpretieren.

Es gibt durchaus nachvollziehbare Motive für die gesellschaftlich dominierenden Kräfte, die breite Debatte über die Mechanismen der Naturzerstörung, die nun diese neue Pest über die Menschen gebracht haben, zu scheuen. Im offiziellen Coronadiskurs werden die Ursachen von Corona in der kapitalistischen Ausbeutung und Zerstörung der Natur weitgehend totgeschwiegen.

Einige löbliche Ausnahmen gibt es: „ Die Wissenschaft sagt uns, dass die Zerstörung von Ökosystemen Krankheitsausbrüche bis hin zu Pandemien wahrscheinlicher macht. Das zeigt:  Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Coronakrise.“  (Bundesumweltministerin Svenja Schulze).-  Dr. Sandra Junglen, Institut für Virologie, Charité Universitätsmedizin Berlin: „…. Intensive Landnutzung, die Verbreitung von Monokulturen oder Rodungen von Wäldern führen zu einem Verlust der Artenvielfalt und verändern die Zusammensetzung der Säugetierpopulationen. Weniger Artenvielfalt bedeutet mehr Tiere einer Art im selben Lebensraum. Wenn das Ökosystem derart aus dem Gleichgewicht gerät, können sich Infektionskrankheiten besser verbreiten…“   –

Gut belegt ist bereits, dass circa 70 Prozent der menschlichen Infektionserreger ursprünglich aus dem Tierreich stammen, darunter das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), Ebola, Influenza, Zika, Middle East Respiratory Syndrome (MERS), Coronavirus und Erreger des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (SARS). – Besonders ins Auge fiel die Gefahr von Übertragungen auf Wildtiermärkten, wo Menschen und unterschiedliche Tierarten auf engstem Raum zusammen kommen und die Tiere zusammengepfercht und unter hygienisch unhaltbaren Zuständen verwahrt  werden. (Infektions-Ausbruch in Wuhan, VR China) –  Professor Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Biozönoseforschung: „Der weltweite Stand der Wissenschaft ist trotz offener Fragen eindeutig: Der Erhalt intakter Ökosysteme und ihrer typischen Biodiversität kann das Auftreten infektiöser Krankheiten generell reduzieren. Wir Menschen sind von funktionierenden, vielfältigen Ökosystemen abhängig. Mit der Zerstörung von Ökosystemen zerstören wir auch unsere Lebensgrundlage, wie die Corona-Epidemie zeigt. Darum müssen wir uns gemeinsam für einen transformativen Wandel unserer Gesellschaft zum Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzen. Die Kernelemente eines solchen Wandels stellt der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats heraus. Es geht um nicht weniger als eine grundlegende, systemweite Reorganisation über technologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren hinweg, einschließlich Paradigmen, Zielen und Werten.“

Solche Forderungen gehen offensichtlich weit über den Schutz der kurativen Einrichtungen hinaus, sie beschränken sich nicht auf verbesserte Krankenbehandlung, sondern zielen auf einen tiefgreifenden Umbau des gesamten ökonomischen Gefüges, an dem die Besiedlungspolitik und eben auch die Nahrungsmittelproduktion einen entscheidenden Anteil hat. Wenn wir nicht diese ökonomischen Grundlagen der Entstehung von Pandemien in den Blick nehmen und bekämpfen, kommt die nächste Seuche ganz bestimmt.

Aber ebenso wie gegen eine entschiedene Politik des Klimaschutz gibt es gegen einen wirksamen Schutz der natürlichen Lebensräume, sozusagen für ein friedliches Zusammenleben sogar mit den Mikroorganismen, machtvolle und finanzstarke Gegenkräfte. Dieses Feld der Auseinandersetzung müssen wir ebenso wie in der Klimapolitik beginnen politisch zu bearbeiten.

Was wir brauchen ist eine fundierte Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise, bei Corona speziell im Agrarsektor und den damit zusammenhängenden Finanzmarktstrukturen, der imperialen Lebensweise mit jeden Tag ein Steak oder Hamburger auf unseren nord-westlichen Tellern und ein Aufzeigen der Ansätze einer anderen Wirtschafts- und Lebensweise, die sich nicht um Profit, sondern um Sorge für Mensch und Natur zentriert: „Eine andere Welt ist möglich!“. Und damit präventive Umwelt-Gesundheits-Politik statt ausschließlich kurative Linderung und globale Quarantäne! Oder mit den Worten des slowenischen Philosphen Slavoj Zizek: „Der Kampf gegen das Corona-Virus kann nur als Teil eines viel grundsätzlicheren, ökologischen Kampfes geführt werden.“ (Kultur-zeit/3sat 9.12.20, zu seinem gerade erschienenen Buch „Pandemie!“, Passagen).

Nur wenn es uns gelingt, die Coronakrise als aus der gleichen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise wie die Klima-, die Biodiversitäts- und die Flüchtlingskrise entstanden deutlich zu machen, kann es uns auch gelingen, den Verschwörungsmythen der Coronaleugner*innen den Boden zu entziehen.

Margareta Steinrücke und Matthias Jochheim

Ein Gedanke zu „Die Corona-Pandemie – Ursachen und gesellschaftliche Gegenstrategien       

  1. Inhaltlich kann ich in weiten Teilen zustimmen, nur die Diktion wie Pest, unerwartete Bedrohung, Plage, globale Lähmung, wie diese Krise hier charakterisiert wird, mit all dem kann ich nicht mitgehen. Das ist die Diktion der Angst, mit der Politik und Medien gleicherweise operieren. Ich persönlich habe den Respekt vor dem Virus, die vermeintliche Katastrophe sehe ich aber ganz woanders:Im Zerfall der Werte und Menschenrechte, den Doppelstandards, die gesetzt werden, das Ausblenden jeglicher anderer gesellschaftlicher Wahnsysteme wie z.B. Abschiebungen nach Afghanistan, Nigeria oder in alöle Welt. Und diese organisierte Verantwortungslosigkeit, wo man niemand zur Rechenschaft ziehen kann, das ist die eigentliche pandemische Katastrophe.

Kommentare sind geschlossen.