Atombomben rund um Aachen

Ausstellung Hibakusha Weltweit in der Aachener Citykirche. Foto: IPPNW

Ausstellung Hibakusha Weltweit in der Aachener Citykirche. Foto: IPPNW

Anlässlich der 75. Jahrestage der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki fand in Aachen vom 3.- 9. August 2020 die Ausstellung „Hibakusha Weltweit“  statt. Am 5. August 2020 eröffnete die Regionalgruppe Aachen gemeinsam mit drei weiteren Friedensorganisationen feierlich die Ausstellung in der 600 Jahre alten ehemaligen Klosterkirche St. Nikolaus mitten in Aachen. Unter strengen coronakonformen Sicherheitsvorkehrungen konnten erfreulicherweise 70 geladene Gäste und zehn Akteure mit Mund-Nase-Masken an der Vernissage teilnehmen.

Die Ausstellung Hibakusha Weltweit erinnert an die weltweiten atomaren Gefahren und gab uns die Gelegenheit, auf die drei Atombombenstützpunkte im Umfeld von Aachen aufmerksam zu machen. Diese stellen im Falle eines Atomkrieges in Europa eine besondere Gefährdung der Stadt sowie der gesamten Euregio dar.

Eines dieser Waffenlager in Kleine Brogel (Belgien) liegt nur 60 Kilometer von Aachen entfernt, die beiden weiteren je 100 Kilometer Luftlinie entfernt in Büchel in der Südeifel und Volkel in den Niederlanden.

Die Schirmherrin Elisabeth Paul, stellvertretende Städteregionsrätin schloss sich in Ihrem Grußwort dem seit langem geforderten internationalen Atomwaffenverbot an und freute sich, dass die StädteRegion Aachen und die Stadt Aachen im vergangenem Dezember dem ICAN- Städte-Appell beigetreten sind.

Yoko Kawasaki wies in ihrem Grußwort anhand des japanischen Worts „Hibakusha“ („verstrahlte Menschen“), darauf hin, dass die betroffenen Menschen nicht in eine Opferrolle gedrängt werden sollen, sondern sie die Überlebenden sind – diejenigen also, die als Zeitzeugen jüngeren Generationen über ihr Schicksal berichten können, damit sich diese schreckliche Geschichte nie wiederholt.

Am 29. Juli 2020 wurde ein historisches Urteil für Hibakusha vor dem Amtsgericht in Hiroshima gefällt. 84 Kläger, die nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima dem „Schwarzem Regen“ ausgesetzt waren, und an den Folgen erkrankten, gewannen jetzt erst ihren Prozess und können nach 75 Jahren erstmals staatliche Unterstützung erhalten, jedoch hat am 12. August 2020 die japanische Regierung schon Berufung eingelegt.

In seiner Rede über 75 Jahre Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen machte der Aachener IPPNW-Vertreter Wilfried Duisberg noch einmal auf  Aspekte der atomaren Massenvernichtungsmittel deutlich aufmerksam, unter anderem auf folgende:

  • Der Einsatz von nur drei Atombomben im Sommer 1945 – im Trinity-Test, gegen Hiroshima und gegen Nagasaki – gab den USA-Politikern und Militärs ein Gefühl der Übermacht, das bis heute der Antrieb für Präsidenten und Potentaten ist, über diese “Waffen“ bestimmen zu können, obwohl sie nur die gegenseitige Vernichtung ermöglichen. Diese Machtillusion muss entzaubert werden, bevor ein Loslassen von dieser Technik möglich wird.
  • Atomwaffen sind durch ihre eigene Technologie auch ohne menschlichen Einsatzbefehl eine Gefahr. Allein die übergroße Zerstörungskraft gepaart mit extrem kurzen Vorwarnzeiten erfordert eine Reaktionsschnelligkeit, wie sie nur noch mit künstlicher Intelligenz möglich sein wird. Diese Technik entscheidet demnächst allein über unsere Existenz: Entweder wir schaffen die Atomwaffen ab oder sie schaffen uns ab“.

  • Die sogenannte „nukleare Teilhabe“ Deutschlands ist nicht nur ein illusorischer Versuch Deutschlands, über den Einsatz von Atomwaffen mitzubestimmen. Sie führt zu einer konkreten Bedrohung für Aachen und die Euregio. Die drei genannten Atombombenlager befinden sich im 100km-Umkreis von Aachen und sind erste notwendige Ziele für einen atomaren Angriff/Gegenschlag, der die sehr dicht besiedelte Mitte Europas langfristig zerstören würde. Nur durch den Beitritt Deutschlands zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 kann diese Gefahr reduziert werden. F18-Bomber machen die Zerstörung jedoch wahrscheinlicher.

Der Aachener Co-Sprecher der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner“, Bernd Bremen, stellte den Aachener Appell „Für eine klima- und sozial gerechte Welt – ohne Atomwaffen, Rüstung und Krieg“ als gemeinsame Aufforderung der Aachener Friedensgruppen – DFG-VK, IPPNW, Pax Christi und VVN-BdA – an alle Politiker*innen in Deutschland vor.

Explizit wird gefordert:

  • die Abschaffung aller atomaren Massenvernichtungsmittel mit Hilfe des UN-Atomwaffenverbots zu vereinbaren
  • die Aufnahme sofortiger Abrüstungsverhandlungen mit dem Ziel, durch vertrauensbildenden Maßnahmen eine neue Entspannungspolitik einzuleiten.
  • die freiwerdenden Ressourcen für eine klima- und sozialgerechte Welt konsequent einzusetzen

Dieser Appell soll möglichst weit verbreitet und den Parteien und zukünftigen Bundestagswahlkandidaten als „Wahlprüfstein“ vorgelegt werden.

Einige Besucher haben Ihre Gedanken, Ihre Gefühle und auch Kritik in Worten schriftlich niedergelegt:

* „Sehr traurig und erschreckend. Wir sind aufgefordert, was zu unternehmen, dass diesen Dingen ein Ende bereitet wird.“

* „Das Geschehen in Hiroshima und Nagasaki ist sichtlich entsetzlich und so etwas müsste in Zukunft dringend verhindert werden. Was mir bei der Ausstellung fehlt: Die politischen Hintergründe, des japanischen Ultranationalismus (der bis heute existiert), der erst Pearl Harbor und damit den Eintritt Amerikas in den zweiten Weltkrieg möglich machte. So bleibt das Geschehen in Japan für die koreanischen Bombenopfer, auch andere, also für alle Kriegsopfer. Was ist mit der Aufarbeitung der eigenen Mitschuld an diesem furchtbaren Geschehen?

* „Wer, wenn nicht wir? Wir müssen aufstehen und denen den Kampf ansagen, die meinen, mit Waffen Konflikte lösen zu können. WWW: Wahnsinn welt-weit. Das macht die Ausstellung deutlich.“

* „Danke für das Engagement bei dieser Ausstellung. Mich macht es immer wieder wütend, dass mit Uran aus dem Kongo diese verheerenden Waffen gebaut werden. In der Folge entstanden durch amerikanische Förderung Atomkraftwerke in Belgien, denen wir immer noch Brennstäbe liefern. Es ist ein harter, langer Kampf, nicht aufzugeben.“

* „Schweigen kann zum Verbrechen führen. Auch wir Ärzte dürfen nicht schweigen. Ionisierende Strahlung vergisst nie.“

* „Erschreckend! Wie viele Orte auf dieser Welt verseucht, wie viele Menschen vertrieben wurden, verstrahlt, krank; wie viele Unfälle und Beinah-Katastrophen, die noch viel schlimmer hätten enden können. Es ist Zeit, das Atomzeitalter, ob zivil oder militärisch, der Geschichte zu überantworten. Die Hinterlassenschaften werden uns ohnehin noch hunderttausende von Jahren beschäftigen“.

* Die musikalische Umrahmung durch den jungen Pianisten Quang Thai Nguyen, der neben Werken von Chopin und Ravel ein speziell für diesen Abend komponiertes Eigenwerk zur Aufführung brachte, gab der Ausstellungseröffnung einen sehr festlichen Charakter.

Dr. Volker Siller ist Mitglied der IPPNW Regionalgruppe Aachen