Eingeschlossen von Mauern

Die ehemalige Hauptstrasse von Kalkylia ist verfallen. Sie endet an der Mauer. Foto: IPPNW

Zerstörte palästinensische Häuser sahen wir während unserer ganzen Reise.
Schon am zweiten Tag wurden wir von einem israelischen Aktivisten vom Komitee gegen Hauszerstörungen (ICAHD) zwischen Jerusalem und der großen israelischen Siedlung Male Adumin auf Reste palästinensischer Häuser an Berghängen oder in der Nähe der acht Meter hohen Mauer (Wall zum Schutz der Siedler) aufmerksam gemacht.
Am eindrücklichsten zeigte uns J. vom Kommitee „Stop the Wall“, was die Häuserzerstörung und der Bau der „Mauer“ für die dort lebenden Menschen bedeutet.
Anhand einer Karte, die den Bau neuer Siedlungen und umgebender (schützender) Mauern darstellt, demonstriert er uns, dass die direkte Verbindung zwischen Ramallah und Jerusalem schon jetzt gekappt ist. Das Ziel sei, die neuen Siedlungen miteinander zu verbinden, sodass Jerusalem von den palästinensischen Gebieten völlig abgeschnitten sei. Ost-Jerusalem sei aber für die palästinensische Bevölkerung die Hauptstadt, die Stätte der religiösen Heiligtümer, die Stätte zum Beten. Ramallah habe diese Bedeutung für die Palästinenser nicht.

Wir fahren mit J. nach Kalkylia (Qalqilia). Die Stadt liegt an der westlichen Grenze des Westjordangebietes, fast auf der „Greenline“. 1997 hatte die Stadt 22.168 Einwohner, 2007 durch Aufnahme der Flüchtlinge aus anderen Landesteilen 41.739 Einwohner.
Das Umfeld von Kalkilya ist sehr fruchtbar und wurde der „Obstgarten“ der Region genannt. Die Hauptstraße von Nablus zu den Städten am Mittelmeer führte durch Kalkilya, was zur Prosperität der Stadt beitrug. Hier lagen die Geschäfte, Restaurants, alles, was einen Handelsplatz ausmacht.

Östlich der Greenline, also auf palästinensischem Gebiet, verläuft jetzt eine ca. acht Meter hohe Mauer. Sie quert die Hauptstrasse und trennt den Ort von dem landwirtschaftlich genutzten Hinterland, das für seine Eigentümer nun nicht mehr erreichbar ist. Die Mauer umschließt die Stadt von drei Seiten völlig und lässt nur im Osten einen schmalen Korridor zu kleineren Gemeinden.

Am Ortseingang führt uns J. zu einer kleineren Strasse. Eine Trümmerlandschaft! Hier standen neuere Häuser – angeblich illegal von Palästinensern auf palästinensischem Land gebaut und deshalb zerstört. Es sieht dort wie nach einem Bombeneinschlag aus, Trümmerhalden, dazwischen geschmiedete Türen, Rosen, die in den Gärten blühen.

Gegenüber ein zweistöckiges, neues Haus im Landesstil mit Rundbogenfenstern, Balkonen, alles mit dem typischen hellockerfarbenen Kalkstein der Region gebaut. Ein gepflegter Garten. Eine verschleierte Frau und ihre Kinder winken uns zu. Auch sie ist von dem bevorstehenden Abriss ihres Hauses informiert worden. Was soll an Stelle der abgerissenen Hauser gebaut werden? Wo werden die vertriebenen Menschen leben?

Da wir nicht die für israelischen Siedler gebaute Straßen benutzen dürfen, geht unsere Fahrt unterhalb dieser Strasse durch einen Tunnel zun ehemaligen Zentrum Kalkylias.
Wir wandern auf der ehemaligen Hauptstraße durch eine Geisterstadt. Sie ist verfallen, aber noch gut als solche erkennbar. Die Häuser rechts und links sind verschlossen, teils auch zerstört und menschenleer. Die Bewohner sind fortgezogen. Wovon sollten sie hier auch hier leben? Die Hauptstrasse endet an der Mauer.

Ich sehe mich in einer Szene eines Wildwestfilmes. Ein kleiner Laden einem Kiosk ähnlich, hat noch geöffnet. Auch das Schreien eines Schafes zeigt uns, dass noch Menschen in der Stadt leben. Um einen Müllcontainer herum lungern circa acht Katzen, um noch etwas von den Nahrungsresten zu erhaschen und verschwinden, als wir uns nähern. Ein junger Mann tritt auf die Strasse, neugierig, was wir wohl dort wollen. Auf die Frage, ob auch er die Stadt verlassen werde, schüttelt er den Kopf.

An einer anderen Stelle des Ortes können wir die durch Kameras geschützte Mauer direkt erreichen. Auch hier finden sich an der Mauer beeindruckende Gemälde. Aus einem landestypischen, schönen Haus, umgeben von einem schönen Garten treten mehrere Frauen, die sich für unsere Anwesenheit interessieren. Die Älteste bietet uns an, für uns Kaffee zu kochen. 2012 sei ihr Familienhaus errichtet worden, 2013 in zehn Meter Entfernung die Wand. Nein, einen Abrissbescheid habe sie nicht erhalten.

Ursula Haun-Jünger ist IPPNW-Mitglied und hat an der Begegnungsreise nach Israel/Palästina teilgenommen.