Fukushima – vier Jahre später

Eine Mutter und ihre Tochter demonstrieren in Koriyama/Japan. Foto: Alexander Tetsch

Eine Mutter und ihre Tochter demonstrieren in Koriyama/Japan. Foto: Alexander Tetsch

Knapp vier Jahre ist es nun her, dass wir alle in Schockstarre vor den Bildschirmen standen und Zeuge der Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi wurden. Drei Kernschmelzen, die jeweils den größten anzunehmenden Unfall der Katastrophenschutzpläne übertrafen, drei Mal der befürchtete Super-GAU. Wochenlang hing das Schicksal Japans an unbeeinflussbaren Faktoren wie der Windrichtung. Zum Glück für die Japaner blies der Wind den Großteil des radioaktiven Niederschlags in Richtung Pazifik. Ein einziger Tag mit Wind aus Südwest allerdings reichte aus, um große Teile der Präfektur Fukushima radioaktiv zu verseuchen. Die Metropole Tokio hingegen blieb weitestgehend verschont – nur in einigen nördlichen Stadtteilen stiegen zwischenzeitlich Konzentrationen von radioaktivem Jod gefährlich an, so dass kurzzeitig vor dem Verzehr des sonst sicheren Leitungswassers gewarnt werden musste. Dennoch brachte schon die Evakuierung der rund 300.000 Menschen, die auf Grund erhöhter Strahlenwerte ihre Heimat verlassen mussten, den Katastrophenschutz an seine Grenzen.

Leider macht die radioaktive Verseuchung keinen Halt an den Grenzen der Evakuierungszonen. Bereits kleinste Mengen ionisierender Strahlung führen zu einem erhöhten Risiko für Krebs und andere Erkrankungen. Die Menschen in den kontaminierten Gebieten stehen seit der Atomkatastrophe vor der schwierigen Wahl: bleiben und das erhöhte Krankheitsrisiko in Kauf nehmen oder in eine weniger belastete Region umziehen und dafür ihre Heimat aufgeben?

Kinder mit Dosimetern um den Hals, abgesteckte radioaktive hot-spots am Straßenrand, Cäsium-Anzeigetafeln an Spielplätzen und blauen Behälter mit abgetragener radioaktiver Erde gehören in Fukushima mittlerweile zum Alltagsbild. Viele Politiker in Japan versuchen jedoch, die Probleme durch kaltschnäuzigen Pragmatismus anzugehen: man ist bereit, einige Zehntausend Krebserkrankungen in Kauf zu nehmen, um die Region insgesamt am Leben zu erhalten und den Strom an Auswanderern zu stoppen. Dazu werden den Menschen falsche Versprechungen gemacht und geschönte Informationen gegeben. Wissenschaftler werden bezahlt, um die Strahlenfolgen schön zu rechnen, auf internationale Organisationen wird Druck gemacht, keine kritische Berichte zu veröffentlichen, staatlich subventionierte Informationsveranstaltungen werden abgehalten, die die fragwürdigen Verharmlosungen der Atomindustrie ins Volk tragen sollen. Dabei ist jetzt schon klar, dass die Atomkatastrophen von Fukushima relevante gesundheitliche Folgen haben werden. Allein auf der Basis der Zahlen aus dem schöngerechneten UNSCEAR-Bericht geht hervor, dass durch die radioaktive Verseuchung großer Teile Japans bis zu 16.000 zusätzliche Krebserkrankungen und bis zu 9.000 zusätzlicher Krebstodesfälle entstehen werden. Die tatsächliche Zahl der Krankheiten liegt vermutlich viel höher.

Die Atomindustrie spricht derweil davon, dass keine messbaren gesundheitlichen Folgen zu erwarten sein werden. Die Tatsache, dass eine Krebserkrankung keine Herkunftsbezeichnung trägt und sich nie eindeutig auf eine einzelne Ursache zurückführen lässt, wird genutzt, um jegliche Kausalität abzustreiten. Um Krankheitsfälle mit erhöhten Strahlenwerten korrelieren zu können, bedarf es groß angelegter epidemiologischer Studien und Screeningprogramme für die betroffene Bevölkerung.

Im Rahmen der ersten Runde von Schilddrüsenuntersuchungen stellten Ärzte bei insgesamt 108 Kindern histologisch Schilddrüsenkrebs fest. 84 Kinder, bei denen der Krebs sehr groß war oder bereits Metastasen gebildet hatte, wurden mittlerweile operiert. Diese unerwarteten Fälle hat die Studienleitung bislang auf den „Screeningeffekt“ geschoben, also der Beobachtung, dass durch Screenings Fälle gefunden werden, die klinisch erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgefallen wären. Seit Dezember 2014 liegen nun allerdings die ersten Zahlen der Nachuntersuchungen vor. Bei 57,8% der Kinder wurden Knoten oder Zysten gefunden. Im Erst-Screening lag diese Rate noch bei 48,5%. Diese Krebsfälle, die sich im Laufe der letzten beiden Jahren entwickelt haben müssen, lassen sich nicht mehr mit einem Screeningeffekt erklären.

Es ist wichtig, sich dabei vor Augen zu führen, dass bislang nur ein Bruchteil der Ergebnisse der Nachuntersuchungen vorliegt. Basierend auf den Erfahrungen aus Tschernobyl wird die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen noch über viele Jahre ansteigen. Gleichzeitig stellt Schilddrüsenkrebs nur einen kleinen Teil der gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Kontamination der Bevölkerung dar. Die Menschen in den verstrahlten Regionen in Japan benötigen eine umfassende medizinische Beratung und ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes, transparentes Angebot an Vorsorgeuntersuchungen, mit dem Krankheiten frühzeitig erkannt und behandelt werden können und auf dessen Ergebnisse die Patienten Zugriff haben. All das ist in Japan derzeit nicht gewährleistet.

Alex Rosen ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Sektion der IPPNW.