Eindrücke aus Persien

Iran-Reise von Matthias Jochheim. Foto: Elena von Liebenstein

Iran-Reise von Matthias Jochheim. Foto: Elena von Liebenstein

Meine Neugier auf dieses Land war 2012 geweckt worden, als ich mit einer internationalen IPPNW-Delegation unter Leitung von Gunnar Westberg, Teheran, das dortige Peace Museum und unsere iranischen IPPNW-KollegInnen besucht hatte. Nun kehrte ich, diesmal mit mehr Zeit und begleitet von meiner Tochter Elena, wieder zurück, um mehr von diesem weltpolitisch wichtigen, historisch so reichen Land kennen zu lernen.

Erste Station war wieder die Hauptstadt: Dr. Leila Moein, aktiv in unserer iranischen IPPNW-Partnerorganisation, und vom Friedensmuseum, die uns sehr liebenswürdig aufnahmen. Als Vertreter der deutschen IPPNW wurde ich von den durch Giftgaseinsatz im Golfkrieg der 80er Jahre chronisch stigmatisierten freiwilligen Helfern des Museums mit einer Urkunde ausgezeichnet, in Anerkennung der durch die deutsche IPPNW geleisteten Unterstützung für die Medikamentenversorgung in Zeiten des internationalen Embargos. Natürlich war unsere Lieferung keine wirkliche Lösung der Problematik, sondern nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und ein Zeichen unserer Verbundenheit mit den Menschen, die nicht zuletzt durch Chemikalien-Lieferungen aus Deutschland schwere Gesundheitsschäden an Respirationsorganen und Augen erlitten haben.

Meine Tochter, Studentin der Theaterwissenschaft, traf in Teheran Setareh, ihre Freundin und Kommilitonin aus Pariser Studientagen, die in Teheran aktiver Teil der dortigen jungen Theaterszene ist. Setareh führte uns auch, im klimatisch kühleren Norden Teherans, in einen früheren Palast des damaligen Schah Reza Pahlevi, inzwischen in ein Museum umgewidmet: viel europäisch anmutendes Mobiliar im Empire-Stil, nur wenige Anklänge an die reiche kulturelle Tradition Persiens  vielleicht bezeichnend für diesen Monarchen, der wohl nie ein authentischer politischer Führer seines Landes wurde. Eingesetzt worden war Pahlevi von den westlichen Alliierten des zweiten Weltkriegs als Nachfolger seines abgesetzten und ins Exil verbannten Vaters, dem zu große Nähe zu Nazi-Deutschland nachgesagt wurde.

Vier Tage verbrachten wir in der Neun-Millionen-Metropole Teheran mit ihrer Modernität und Lebendigkeit. Dann stiegen wir in den komfortablen Fernlinienbus, und fuhren rund 400 km auf gut ausgebauter Autobahn nach Isfahan, die frühere Hauptstadt Persiens mit heute etwa zwei Millionen Einwohnern. Isfahan ist eine Oase in der umgebenden Halbwüstenregion, die wir durchquert hatten.

Wir sahen die kunstvoll gebauten und ausgestatteten Moscheen der Stadt, die ausgedehnten Basare mit ihren reichen nationalen und internationalen Angeboten und den Wohlgerüchen der Gewürzstände. Am stärksten haben mich dort zwei Erfahrungen beeindruckt: der bei unserer Ankunft völlig ausgetrocknete Fluss Zayandeh, der seit 1 ½ Jahren kein Wasser mehr durch Isfahan geführt hatte – dann aber am Abend des dritten Tages war eine Staustufe stromaufwärts geöffnet worden, und die Menschen kamen in großer Zahl an die Ufer und Brücken, um die Wiederkehr ihres Flusses zu erleben.

Wir waren an einem hohen religiösen Feiertag in der Stadt: dem Muharram, an dem der Ermordung Hosseins gedacht wird, einem Sohn Alis, der für die Schiiten als Schwiegersohn Mohammeds einer der Propheten des Islam ist. Der Opfertod Hosseins wird alljährlich von den Schiiten über einen ganzen Monat betrauert. In Isfahan erlebten wir, begleitet von Paukenrhythmen, die Prozession durch die Stadt, bei der zahlreiche (ausschließlich männliche) Teilnehmer durch symbolische Selbstgeißelung mit kleinen Ketten ihrem Schmerz Ausdruck geben. Eine schöne Geste dieses Trauertages: Überall in den Städten sind Stände aufgebaut, wo die Passanten mit Tee, Datteln und einem schmackhaften Imbiss versorgt werden; auch wir „Ungläubigen“ wurden sehr freundlich zu diesem Gastmahl eingeladen – vergleichbar mit dem Imbiss, zu dem die Trauergäste in unseren Breiten nach einer Beerdigung zusammenkommen.

Der zentrale Festakt auf dem großen Platz von Isfahan war auch politisch unterlegt: die Mörder Hosseins wurden auf Transparenten in Verbindung mit Akteuren in USA und Israel gebracht – für mich ein gewisser Kontrast zur mäßigenden Rhetorik des aktuellen Staatspräsidenten Rohani, wie wir sie aus unseren Medien rezipieren.

Wir setzten unsere Reise fort nach Shiraz, weitere rund 400 km nach Süden. Nun durchquerten wir eine abwechslungsreichere Landschaft, teilweise durch felsige Erhebungen, aber auch durch Äcker und Felder geprägt. Auch Shiraz war schon zeitweise Sitz persischer Monarchen; es ist berühmt für seine Poeten, unter ihnen der von Goethe bewunderte Hafis, und den Dichter Saadi – dessen Verse die Zentrale der Vereinten Nationen schmücken. Am Fuß hoher Berge gelegen, waren auch in Shiraz eine Fülle künstlerischer und historischer Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Großartig war auch der Besuch in der alten Königsstadt Persepolis, etwa 60 km nördlich von Shiraz, wo wir die Fresken und Ausgrabungen einer Jahrtausende alten persischen Kulturvergangenheit bewundern konnten. Um 300 v. Chr. wurde Persepolis von Alexander dem Großen zerstört, aber die Reminiszenzen lassen immer noch die kulturelle Blüte erahnen, die die Perser damals bereits repräsentierten.

Von Shiraz aus nutzten wir das gut entwickelte inneriranische Flugnetz: Via Teheran ging es nach Rasht, einer Großstadt nahe dem Kaspischen Meer. Wir tummelten uns einen Vormittag lang im Basar der Stadt und fuhren dann an das Ufer des Kaspischen Meers, ein Binnengewässer ohne Zugang zu den Weltozeanen und mit nur leicht salzigem Wasser. Wir besichtigten das dortige Marinemuseum und genossen in der sogenannten „Lagune“ nahe dem Hafen von Anzali eine leckere Fischmahlzeit.

Es war eine gute Entscheidung gewesen, die Rückfahrt vom Kaspi mit einem PKW (statt Flugzeug) zu bewältigen, denn so sahen wir eine gänzlich andere Landschaft als bei unserer Tour gen Isfahan: fruchtbare Felder, Olivenhaine, bewaldete Hänge wie in Mitteleuropa. Auch auf die Zukunft des Verkehrs konnten wir einen Blick werfen: von Franzosen geplant, nimmt die Trasse einer Expresszugverbindung vom Kaspi nach Teheran Gestalt an. Auch die Suburbs von Teheran, die wir durchfuhren, erinnerten mit ihren Apartmenthochhäusern an die Urbanisierungen europäischer Räume.

Beim Rückflug mit Iran Air nach Deutschland kam ich mit einem seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Unternehmer ins Gespräch, der seine Familie in Iran besucht hatte. Er berichtete mir, nachdem ich von meinen erfreulichen Erlebnissen und Kontakten erzählt hatte, von der erschreckenden Erfahrung eines Cousins, der, nachdem er in der Öffentlichkeit betrunken aufgefallen war, nach islamischem Recht zu 20 Stockhieben verurteilt worden war. Schon nach zweien dieser harten Schläge hatte er das Bewusstsein verloren, und noch lange unter den Folgen dieser grausamen Prozedur gelitten.

In unserer kleinen Diskussion berichtete ich ihm, dass Gesprächspartner uns von allmählichen Veränderungen und Abbau rigider Freiheitseinschränkungen erzählt hatten, und er stimmte mir zu, dass nicht Konfrontation und Sanktionen von außen die Bedingungen für die Menschen verbessern werden, sondern „Wandel durch Annäherung“, das Konzept von Brandt und Bahr für die Lockerung der Verhältnisse im damaligen sowjetisch dominierten Ost-Block.

„Knowledge is the beginning“, dieser Wahlspruch des Dirigenten Barenboim ist auch für das deutsch-iranische Verhältnis anzuwenden. Und das Lernen kann keine Einbahnstraße sein: Die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gelassenheit der allermeisten iranischen Menschen, mit denen wir in Kontakt kamen, gehört zu den bleibenden Eindrücken unserer Reise.

Matthias Jochheim war bis 2013 Vorsitzender der deutschen IPPNW-Sektion.

 

2 Gedanken zu „Eindrücke aus Persien

  1. Sehr geehrter Herr Jochheim!

    Mit großer Bestütrzung habe ich ihren Bericht gelesen. Es ist für mich unverständlich wie man einen solchen Jubelbericht über eine der schlimmsten Theodiktaturen
    verfassen kann. Ich fühle mich unangenehm erinnert an ähnliche Jubelarien über das Hitler-Deutschland und später über die Ostblockdiktaturen, von Reisenden, die „staatlich“ begleitet wurden. Ihre Kritiklosigkeit erschütert mich. P.Gnändiger

Kommentare sind geschlossen.