„Wir weigern uns Feinde zu sein“: Begegnungsreise nach Palästina

Sabine Farrouh 2010 in Palaestina

Sabine Farrouh 2010 in Palästina. Sabine Farrouh ist Anästhesistin & Palliativmedizinerin und Vorstandsmitglied der IPPNW.

„You are the voice oft he voiceless – Ihr seid die Stimme derjenigen, die keine Stimme haben“, das sagte uns eine unserer Gastgeberinnen zum Abschied. „Es ist wichtig, dass Ihr kommt und in Europa berichtet, wie wir hier leben!“

Und wir versprachen wieder zu kommen und zu zeigen, was man sich in der ganzen Dimension nicht vorstellen kann, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat – selbst wenn man sich, wie ich, jahrelang mit der Thematik beschäftigt hat. Die Palästinenser leiden vielfältig unter der Besatzung und haben das Gefühl, es interessiert die Welt nicht mehr.

Mittlerweile leben 650.000 Siedler auf palästinensischem Land (in den im Oslo Abkommen vereinbarten Grenzen nach 1967), wobei die 300.000 in und um Jerusalem von israelischer Seite nicht mehr als Siedler bezeichnet werden. Fährt man durch das Land, sieht man sie überall auf den Hügeln, die zum Teil früher Waldgebiete waren. Es sind keine „Siedlungen“ wie wir sie uns vorstellen, es sind teilweise Städte mit bis zu 45.000 Einwohnern, wie Festungen mit ihren roten Dächern weithin sichtbar. Nachts sieht man sie leuchten, überall wo es hell leuchtet, sind Siedlungen sagt man uns.

Die israelische Siedlung "Har Choma" in der Nähe von Jerusalem

Die israelische Siedlung „Har Choma“ in der Nähe von Jerusalem.

Durch die Siedlungen, die Siedlerstraßen, die Militärzonen und die Mauer ist die Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Dadurch, dass wir mit einem palästinensischen Bus unterwegs waren und palästinensische Führer dabei hatten, haben wir ein klein wenig miterlebt, unter welchen Restriktionen die Menschen dort leben. Die Straße von Bethlehem nach Ramallah – vor dem Bau der Mauer eine Strecke von ca. 20 Minuten – ist z.B. für Palästinenser nicht nutzbar, weil ihnen die Durchfahrt durch Ostjerusalem nicht mehr erlaubt ist. Wir mussten mit unserem Bus eine sehr kleine kurvenreiche, steile und gefährliche Straße nehmen, genauso wie all die Pendler die z.B. in Bethlehem wohnen und in Ramallah arbeiten. Sie machen das jeden Tag, morgens hin und abends zurück, wir waren froh, als wir es einmal überstanden hatten.

Die Straßen, die die Siedlungen in der Westbank mit Jerusalem und dem Kernland verbinden und die von Palästinensern weder befahren noch betreten oder gar überquert werden dürfen, durchziehen das ganze Land. Sollen doch die Israelis aus den Siedlungen schnell zu ihren Arbeitsplätzen in Israel kommen. Für die Palästinenser gibt es einige sehr kleine Unterführungen damit sie zu ihren Feldern und Dörfern kommen können, häufig müssen sie aber auch weite Umwege fahren.

Eine Durchfahrt unter einer Siedlerstraße

Eine Durchfahrt unter einer Siedlerstraße.

Die besetzten palästinensischen Gebiete sind nach dem Oslo Abkommen aufgeteilt in A, B und C-Gebiete. A-Gebiete sind die Städte: Ramallah, Bethlehem, Nablus, Tulkarem, also die großen Städte. Das Gebiet umfasst 8% der Westbank. Hier ist die palästinensische Autonomiebehörde zuständig. B-Gebiet ist der Raum um die Städte herum. Israel delegiert hier bestimmte Aufgaben an die Autonomiebehörde. Sie stehen aber unter der Oberhoheit Israels. 30% sind B-Gebiete. C-Gebiete sind die restlichen 65 – 70% des palästinensischen Territoriums. Darüber soll bei einer Lösung, einem Friedensvertrag verhandelt werden. Sie sind vollständig unter israelischer Verwaltung und Kontrolle. In diesen Gebieten wohnen 150.000 Palästinenser und 350.000 israelische Siedler. Die israelischen Behörden ziehen hier z.B. die Steuern ein, erbringen aber praktisch keinerlei Leistung dafür. Der Müll wird nicht abgeholt, sodass die Palästinenser gezwungen sind, ihn einfach offen abzubrennen, Straßen werden nicht gebaut oder repariert (Siedlerstraßen freilich schon, aber die sind für Palästinenser tabu), es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr. Und vor allem: Die Palästinenser bekommen hier keine Baugenehmigung. Die palästinensischen Familien wachsen aber, besonders in den armen, ländlichen Gebieten. Kinder sind ja sozusagen die Sozialversicherung. Also was sollen sie machen? Sie bauen ohne Baugenehmigung. Wo sollen sie sonst hin, sie haben ja nur dieses Land, auf dem sie häufig schon seit Generationen leben. So gibt es um die 10.000 Abrissverfügungen, die Familien wissen nie, wann die Bulldozer kommen.

Zu einer Familie, deren Haus am 12. Januar 2012 abgerissen worden war, führte uns Chasska, eine junge israelische Frau von ICAHD, dem israelischen Komitee gegen die Hauszerstörungen. Der Familienvater hatte 10 Jahre in Saudi Arabien gearbeitet, um hier auf seinem Land ein Haus für sich und seine 17 Kinder zu bauen. Am 12. Januar kamen die Soldaten mit den Bulldozern. Mitten in der Nacht um 2:30 Uhr, scheuchten sie die Familie aus dem Haus, die Frau legte die ganz kleinen Kinder in ein altes Auto, damit sie nicht erfrieren, nach 2 Stunden um 4:30 war alles vorbei. Geblieben ist ein Steinhaufen, den wir bewundern konnten. Jetzt leben sie in einem sehr luftigen, zugigen Zelt, das ihnen eine Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt hat und wie zum Hohn steht daneben eine Art Dixie-Klo, gespendet von der EU.

Nur noch ein Steinhaufen, wo einst das Haus der Großfamilie stand

Nur noch ein Steinhaufen, wo einst das Haus der Großfamilie stand.

Die Wasserversorgung ist vollständig unter israelischer Kontrolle. Oft ist sie tagelang unterbrochen. Als ich das letzte Mal unsern Freund Ibrahim Lada`a besuchte, hatte er gerade 4 Tage kein Wasser. Die Palästinenser dürfen nicht tief bohren, oftmals ist das Grundwasser in der Tiefe, in der sie bohren dürfen, durch das Abwasser der Siedlungen verunreinigt. Sie dürfen keine Zisternen bauen und kein Regenwasser auffangen. Natürlich lässt sich das nicht wirklich kontrollieren, aber diese Vorschriften bieten immer wieder Möglichkeiten der willkürlichen Kontrollen und Schikanen. Derweil waschen die Siedler vor ihren Augen die Autos, sprengen den Rasen und planschen in ihren Swimmingpools. 16% des palästinensischen Wassers wird den Palästinensern zur Verfügung gestellt, 84% geht an die Siedler.

Die Gesundheitsversorgung ist in vielen Bereichen erschwert. Strahlentherapie ist z.B. in den besetzten Gebieten aus „Sicherheitsgründen“ verboten. Frauen mit Brustkrebs, bei denen eine Bestrahlung indiziert ist, können diese nur in Jerusalem oder im Ausland bekommen. Beides ist teuer, es sind lange Wege und sie brauchen ein Permit – auch bei medizinischen Notfällen. Ob und wie oft das gegeben wird, liegt ganz im Ermessen der israelischen Behörden.

Auch dürfen Palästinenser nicht in einem palästinensischen Krankenwagen nach Jerusalem gefahren werden. Dazu muss ein israelischer angefordert werden und der darf nur in Begleitung der Armee fahren. So kann es passieren, dass der israelische Krankenwagen da ist, wenn aber die Militärbegleitung fehlt, kann er nicht fahren, auch wenn der Patient derweil stirbt.

Wir hatten den Eindruck, dass die Palästinenser vielfältigen Schikanen und Willkürmaßnahmen ausgesetzt sind. Zufällig waren wir am gleichen Tag wie unser Bundespräsident Joachim Gauck in Ramallah. Eine sehr viel größere Nachricht dort war aber die an diesem Tag stattfindende Übergabe von 91 Verstorbenen an ihre Angehörigen. Zum Teil waren die Leichen schon seit 1975 in israelischem Gewahrsam. In dem Zusammenhang wurde uns erzählt, dass ein Palästinenser der z.B. zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und vor Ablauf dieser Zeit stirbt, erst nach vollständiger Verbüßung der 3 Jahre der Familie zur Bestattung übergeben wird. Für Moslems ist es aus religiösen Gründen wichtig, nach dem Tod so schnell wie möglich bestattet zu werden. Daher werden Moslems normalerweise auch nur in Tücher gehüllt beerdigt. Welch eine Machtdemonstration über den Tod hinaus.

Um so faszinierender war es für uns zu sehen, dass unsere Gastgeber und auch Andere mit denen wir sprachen trotz all der Schwierigkeiten nicht resignieren, konsequent an Gewaltfreiheit festhalten, sich trotz aller Schikanen nicht provozieren lassen und sich trotz allem eine Lebensfreude und eine Fröhlichkeit bewahrt haben, die uns immer wieder verblüfft hat. Im Bus z.B. fing eine der Frauen an zu trommeln und zu singen und schon tanzten andere im Gang, obwohl es manchmal abenteuerlich schaukelte.

Im Bus auf der Straße "Hell of Fire"

Im Bus auf der Straße „Hell of Fire“

Daoud Nasser, den wir auf seinem vollständig von Siedlungen eingekreisten „Weinberg“ besuchten, hat die Lage der Palästinenser schön auf den Punkt gebracht: „Wir haben ja keine Wahl! Es gäbe theoretisch 3 Optionen: Erstens: Gewalt. Wir haben ja gesehen, wohin uns das gebracht hat! Zweitens: Resignation. Wir haben alles versucht, was kann man tun? So bleiben wir ewig Opfer. Drittens: Kreativer, gewaltloser Widerstand. Das ist die einzige machbare Option. Das Böse mit dem Guten vergelten. Die Frustration in Kraft umsetzen.“ So erstaunlich das ist; im Einzelnen zumindest scheint es möglich zu sein.
Wir haben bei unseren vielen Begegnungen so bewundernswerte Menschen getroffen!

„Wir weigern uns Feinde zu sein“ steht am Eingang des bekannten  "Tent of Nation" in Nahalin in der Nähe von Bethlehem

„Wir weigern uns Feinde zu sein“ steht am Eingang des bekannten „Tent of Nations“ auf dem Weinberg der Familie Nasser in Nahalin in der Nähe von Bethlehem

Projekte und Organisationen/Links:
Tent of Nations
Israelisches Komitee gegen die Hauszerstörungen
Grassroots Jerusalem.org
AEI Arab Educational Institut
HWC Health Work Committes
Stop the Wall
ARIJ Applied Research Institut Jerusalem
CPT Christian Peacemaker Team Hebron
Hebron Rehabilitation Committee
PHR Physicians for Human Rights Israel
RHR Rabbis for Human Rights
PIJ Palestine Israel Journal
Wahat al Salam/Neve Shalom
Taybeh
CVJM Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen
Parent`s Circle
Popular Struggle.org
Stop the wall Bil`in