Fernab von jeder Versorgung: Flüchtlingshilfe an den Grenzen von Serbien, Ungarn und Kroatien

Belgrad: HelferInnen verteilen im Park Suppe an Flüchtlinge. Foto: Franziska Pilz

Belgrad: HelferInnen verteilen im Park Suppe an Flüchtlinge. Foto: Franziska Pilz

Als ich aus der Bahn ausstieg und in Richtung Busbahnhof lief, traute ich meinen Augen kaum. Im Park neben dem Bahnhof waren Menschen über Menschen. Sie lagen und saßen auf dem bloßen Boden, manche hatten Decken, andere nicht. Ich begriff, dass es Geflüchtete waren, auf dem Weg nach Deutschland, oder wo immer sie einen sicheren Ort fänden. Es gab keine Zelte, keine Toiletten. Ich sah auch niemanden, der Essen verteilte. Keine Organisation schien vor Ort zu sein und zu helfen. Ich beschloss, dass ich etwas tun musste – vielleicht konnte dies mein Sozialprojekt werden?

Im August begann mein f&e in Belgrad mit meiner Famulatur im Clinical Center und es war noch nicht klar, was ich im zweiten Monat machen würde. Ich hatte  keine Ahnung, dass die Stadt zu dem Zeitpunkt Hot Spot der sogenannten Balkanroute für Geflüchtete war, die hauptsächlich aus  Syrien, Afghanistan und Irak kamen. Nun war ich mitten im Geschehen.

Ich begann mich zu informieren, bekam einen Kontakt zu einem Mitarbeiter vom Roten Kreuz in Serbien und meldete mich im Asylum Seekers Information Center. Doch entweder meldete sich niemand zurück, oder – wie im Falle des Roten Kreuzes – waren noch keine wirklichen Strukturen aufgebaut. Doch ich bekam einen Hinweis auf das Zentrum Miksalište, wo Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel an Flüchtlinge verteilt werden.

Gesagt, getan. Nachdem ich meine Famulatur abgeschlossen hatte, meldete ich mich für eine erste Schicht an und fuhr an einem Samstag Anfang September gespannt in besagtes Zentrum. Man teilte mich an der Wasser- und Saft-Ausgabe ein, doch nach ca. einer Stunde musste ich alle durstigen Menschen schon vertrösten, die Spenden waren ausgegangen. Miksalište ein Projekt von kleinen Organisationen und Privatleuten, das heißt, es gab nur Spenden von Privatpersonen oder eventuell Firmen, aber keine staatliche Unterstützung.

Belgrad: Geflüchtete campen im Park. Foto: Franziska Pilz

Belgrad: Geflüchtete campen im Park. Foto: Franziska Pilz

An meinem ersten Tag dort lernte ich auch Ali kennen, er kam direkt vom Flughafen und nur hörte nur zufällig von Miksalište, als er seine mitgebrachten Kleidungsspenden allein im Park verteilte. Er erzählte mir, dass er aus Schweden komme und sich einfach in das nächste Flugzeug nach Belgrad gesetzt habe, als er von der Situation hörte. Im Gepäck hatte er aussortierte Babykleidung, gesammeltes Geld  und einen kleinen Rucksack für sich selbst. Ursprünglich kommt er aus dem Iran, lebt aber seit seinem fünften Lebensjahr in Schweden. Er spricht Farsi, was uns später oft eine große Hilfe war. Als ich hörte, dass er noch nicht wusste, wo er eigentlich schlafen sollte, lud ich ihn zu mir ein. Am Abend redeten wir viel über den Tag und waren uns einig, dass man außer dem Verteilen der gespendeten Sachen mehr machen müsste. Wir schmiedeten Pläne für eine Suppenküche und überlegten, wie wir die Menschen auch am Abend versorgen könnten, da Miksalište nur von 10 bis 16 Uhr geöffnet war, aber auch nachts noch Busse voller Flüchtlinge ankamen. Doch zunächst stellten wir für die folgenden Tage erst einmal die Verpflegung tagsüber sicher. Da es anfangs fast unmöglich war, Leute mit Autos zu finden, fuhren wir mit Taxis zum nächsten Großmarkt und kauften für mehrere hundert Euro Brot, Kekse, Thunfisch, Wasser, Saft und Milch ein. Manchmal mehrmals pro Tag.

Anfang September nahm ich dann an der IPPNW European Conference teil, die diesmal in Belgrad stattfand, und ich durfte dort Spenden für mein Projekt sammeln. Einige Teilnehmer interessierten sich so dafür, dass sie mich zum Zentrum begleiteten und ein kleiner Teil spontan ein paar Tage blieb, um mitzuhelfen. Unter anderem halfen auch F&E-lerInnen, die in den anderen Balkanstaaten ihren Sommer verbrachten.

In der Zwischenzeit hatte Ali mehrere schwedische Landsleute empfangen, die mit Spendengeldern und voller Elan nach Belgrad gekommen waren. Und wir konnten unseren Traum von der Suppenküche umsetzen. Abends, nachdem das Zentrum geschlossen war, gingen wir von nun an in die Parks und verteilten warme Suppe mit Brot – es wurde uns mit strahlenden Augen gedankt. Doch wir verteilten nicht nur Spenden, ab und an spielten wir auch einfach nur mal Fußball mit einigen Flüchtlingsjungs oder ließen uns von den Erfahrungen erzählen. Eines Abends im Park wurden wir zu einem jungen Mann gerufen, dem es augenscheinlich nicht gut ging. Man erzählte uns er sei Diabetiker und hätte schon seit zwei Tagen kein Insulin mehr gespritzt, er hatte nur die leere Packung des Insulins, das ihm ein Arzt irgendwo während seiner Flucht mitgegeben hatte. Wir waren besorgt, wie wir um diese Zeit an Medikamente dieser Art rankommen sollten, da es nirgendwo in der Nähe medizinische Versorgung für die Flüchtlinge gab. Wir machten uns auf den Weg in eine Apotheke, von der ich wusste, dass sie 24 Stunden offen hatte und zu unserer großen Überraschung verkaufte man uns das Insulin ohne Rezept. Der junge Mann war uns über alle Maßen dankbar und als wir später nach ihm sahen, ging es ihm schon viel besser.

Horgos: Familien schlafen am Straßenrand. Foto: Franziska Pilz

Horgos: Familien schlafen am Straßenrand. Foto: Franziska Pilz

Neben unserer Arbeit in den Parks und im Zentrum hatten wir auch vor, die Situation an der Grenze Serbiens zu erkunden. Der Plan war, nach Horgos an den ungarischen Grenzübergang zu fahren, da die Schließung der Grenzen zu Serbien durch die Ungarn angekündigt war. Zunächst musste alles koordiniert und gekauft werden, wir organisierten einen LKW voller Lebensmittel und anderer benötigter Güter für etwa 7.000 Euro und fragten, wer sich alles an unserer Aktion beteiligten würde. Schließlich starteten wir mit mehr als 30 Freiwilligen aus acht verschiedenen Ländern.

Als wir am Tag nach der nächtlichen Grenzschließung in Horgos ankamen, bot sich uns ein unglaubliches Bild. Verteilt auf dem Gelände direkt vor der Grenze warteten bis zu 3000 Menschen darauf, dass sie vielleicht doch noch nach Ungarn gelassen werden. Die Stimmung war bedrückend und fast schon bedrohlich, es kreisten Hubschrauber, vor der Grenze stiegen Rauchschwaden in die Luft, und als uns auf einmal Menschen mit rotem Gesicht entgegengerannt kamen, die vor Schmerzen schrien, wurde uns klar, dass die ungarische Polizei sich nicht scheute Tränengas einzusetzen. Es wurde auch von Wasserwerfern und Schlagstockeinsatz berichtet. Wir erkannten, dass dies eine besondere Situation mit hohem Gefahrenpotential war.

Nichtsdestotrotz waren wir gekommen, um die Menschen wenigstens mit den Nötigsten zu versorgen. Leider waren auch an diesem Ort kaum Organisationen vertreten, um solch eine Masse an Menschen zu versorgen. Wir platzierten uns in möglichst großem Sicherheitsabstand zum Grenzzaun und organisierten unsere Verteilstation so gut wie möglich, um potentielle Gedrängesituationen zu vermeiden. An diesem Abend und in der Nacht versorgten wir ca. 2.500 Menschen mit Lebensmittelpaketen, Babynahrung, Windeln und Decken. Zu guter Letzt halfen wir noch, etwa 50 gespendete Zelte vorrangig an Familien mit Kindern zu verteilen und aufzubauen, der Großteil der Menschen musste auf der Straße oder auf dem Feld unter freiem Himmel übernachten.

An der serbisch-mazedonischen Grenze: Hunderte warten auf den Bus. Foto: Franziska Pilz

An der serbisch-mazedonischen Grenze: Hunderte warten auf den Bus. Foto: Franziska Pilz

Wir beschlossen, weitere Grenzübergänge zu besuchen und zu tun, was nötig war, um die Situation für die Menschen auf der Flucht ein wenig erträglicher zu machen. Da sich die Route mittlerweile verlagert hatte, fuhren wir mehrmals an die serbisch-kroatische Grenze und versorgten entweder eine Gruppe von tschechischen Ehrenamtlichen mit nötigen Spenden, oder halfen ihnen nachts, die Menge ein wenig zu kontrollieren. Es kamen Busse von der mazedonischen Grenze direkt an die kroatische und in Kroatien warteten wieder Busse, um die Flüchtlinge zum Registrierungszentrum zu bringen. Da diese aber nur in Abständen von 20 bis 30 Minuten kamen und die kroatische Polizei nie mehr als eine Busladung passieren ließ, staute es sich auf serbischer Seite an und wieder waren es Freiwillige, die Massenpaniken verhinderten und warmen Tee, Essen und Kleidung verteilten. Auch hier konnte ich nicht viel von der Hilfe großer Organisationen spüren.

Es wurde kälter und regnerischer und kaum jemand besaß entsprechende Kleidung. Besonders Schuhe waren gefragt und waren schwierig zu besorgen. An einem Abend im Park wurde ich mehrmals um Hilfe gefragt. Ich besorgte Erkältungs- und Schmerzmedikamente und auch Blasenpflaster, da viele Menschen tagelang gelaufen waren.

Eines der wichtigsten Dinge, mit denen wir die Menschen versorgten, waren Informationen. Einige wussten nicht mal, dass sie in Serbien waren. Sie hatten keine Ahnung, wie ihre Reise weiterging und vertrauten auch oft den falschen Leuten – zum Beispiel Taxifahrern, die sie zu horrenden Preise an die Grenze fuhren. Wir hatten zum Glück Menschen, die übersetzen konnten, wie Elwan. Er kommt aus Jordanien und hatte eigentlich vorgehabt, in Serbien Urlaub zu machen. Er verbrachte dann zwei Monate mit unserer Gruppe und konnte auch Erfahrungen einbringen, die er bereits mit verschiedenen Organisationen unter anderem im Südsudan, Irak und im syrischen Flüchtlingslager in Jordanien gesammelt hatte.

Die HelferInnen an der serbisch-ungarischen Grenze. Foto: Franziska Pilz

Die HelferInnen an der serbisch-ungarischen Grenze. Foto: Franziska Pilz

Ich lernte in dieser Zeit so viele hilfsbereite, gutherzige Menschen kennen, mit denen mich wohl immer eine ganz besondere Beziehung verbinden wird. Da ist zum Beispiel Ljubica, eine Philosophiestudentin aus Belgrad, die seit Monaten bei jeder Gelegenheit hilft und uns auch aus so manchen brenzlichen Situationen mit Grenzbeamten und Polizei gerettet hat. Bei der gesamten Organisation von Spenden und anderen Dingen war sie unersetzlich, da sie natürlich in ihrer Muttersprache viel schneller zum Ziel kam. Oder zwei Sikhs, die mit der englischen NGO Khalsa Aid nach Belgrad kamen und sich uns anschlossen und mit Geldspenden und Knowhow unterstützten. Viele Serben haben einfach gespendet, was ihnen möglich war, auch wenn der Großteil der Menschen in Serbien selbst am Existenzminimum lebt. In Gesprächen kam dann heraus, dass oft die eigene Erfahrung mit dem Krieg auf dem Balkan Grund für ihre Spendenbereitschaft ist: Sie können die Lage der Geflüchteten sehr gut nachvollziehen.

Einen wunderbaren Tag hatten wir auch, als wir zu Eid al-Adha, dem islamischen Opferfest, Baklava und Geschenke für Kinder verteilten. Es gab sogar Musik im Park und man konnte sehen, dass viele diesen Tag genossen. Sie konnten tanzen und singen und ihre Sorgen für einen kurzen Moment vergessen.

Meine letzte große Aktion mit der Gruppen war ein Einsatz in der Nähe von Presevo an der mazedonischen Grenze. Wieder wurden im Vorfeld LWKs mit Lebensmitteln organisiert. Wir platzierten uns vor einer Moschee und konnten die zu Fuß von Mazedonien ankommenden Menschen wenigstens mit etwas Nahrung versorgen. In Mazedonien wurde die Menschen mit Zügen bis kurz vor die Grenze gefahren und mussten dann mehrere Kilometer nach Serbien laufen. Dort warteten Busse, um sie nach Presevo zu bringen, damit die Flüchtlinge dort registriert wurden und Dokumente für ihre Weiterreise in Serbien bekamen. Oft mussten sie schon an unseren Standort Stunden warten und dann nochmals, um die Papiere zu erlangen. Es ist schwierig, sich vorzustellen, was diese Menschen für Strapazen durchstehen müssen: die gefährliche Reise über das Mittelmeer, stundenlange Bus- und Zugfahrten, Warten in der Kälte, oft ohne Verpflegung. Man darf nicht vergessen, dass es nicht nur junge Männer sind, die nach Europa flüchten. Oft sind es Familien mit vielen Kindern, darunter Säuglinge; schwangere Frauen, die nicht selten auf der Flucht ihr Baby auf die Welt bringen; ältere und kranke Menschen. Sie lassen alles zurück und hoffen auf ein Leben in Sicherheit.

Dies hat mich nicht losgelassen, als ich wieder zu Hause war – so habe ich die Chance genutzt, als ich erfuhr, dass eine Gruppe aus Dresden auf den Balkan fahren wollte, um vor Ort zu helfen. So bin ich froh, wieder hier in Presevo zu sein und den Menschen auf der Flucht das Leben ein wenig erleichtern zu können.

Franziska Pilz ist Medizinstudierende und war mit dem Programm „famulieren & engagieren“ in Belgrad.

Ein Balkankonvoi aus Dresden wird am 30.11. und 15.12.2015 erneut starten, und bis an die griechischen Grenzen fahren. Gerne wollen wir dieses Projekt unterstützen und Sie bitten, Geld zu spenden, damit die Gruppe vor Ort die benötigten Dinge, wie Lebensmittel und Essen besorgen kann, und den Sprit bezahlen kann. Schlafsäcke, warme Kleidung und Schuhe werden in Dresden gesammelt.

Kulturbüro Dresden, IBAN: DE54 8502 0500 0003 6007 04, BIC: BFSWDE33DRE
Verwendungszweck: Spende Dresden-Balkan-Konvoi 2015

Ein Gedanke zu „Fernab von jeder Versorgung: Flüchtlingshilfe an den Grenzen von Serbien, Ungarn und Kroatien

  1. Herzlichen Dank für Ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe! Werden Spenden unmittelbar ganz, oder zu welchem Anteil unmittelbar den Bedürftigen zur Verfügung gestellt?
    Bitte teilen Sie mir auch mit, ob Sie die Anerkennung als gemeinnützig von der Finanzverwaltung haben und ob Sie von DZI anerkannt sind.

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