Klappt die Energiewende?

„Frieden in der einen Welt – Eine-Welt-Tage und Friedenswoche Nürtingen“
rechts: Dr. Eva Stegen, Energiereferentin der Elektrizitätswerke Schönau; links: Dr. Gabriele Fitzner von der Nürtinger IPPNW-Gruppe. Foto: IPPNW

Diese Frage könnte auch lauten: Brauchen wir Atomkraftwerke (AKW)? Oder noch pragmatischer zugespitzt: Hielten und halten die Atomkraftwerke, was sie versprachen und weiter versprechen? Oder zeigt sich nicht immer klarer, dass die „Erneuerbaren“ billiger und viel schneller verfügbar sind als erwartet.

Diesen Fragen ging im Rahmen der 40. ‚eine-welt-tage und friedenswochen nürtingen‘ im Katholischen Gemeindezentrum Dr. Eva Stegen, Energiereferentin der Elektrizitätswerke Schönau nach. Im vollbesetzten Edith-Stein-Saal wurde sie von Dr. Gabriele Fitzner von der Nürtinger IPPNW-Gruppe begrüßt.

Wer erwartet hatte, hier eine Auflistung der Vorteile regenerierbarer Energien geliefert zu bekommen, wurde eher enttäuscht. Stattdessen erhielten die Zuhörer*innen eine differenzierte und detailreiche Darstellung der Atomindustrie und der für diese lebenswichtigen Interessen. Hier würden mit großem Aufwand die Vorstellungen gepflegt, Atomstrom sei billiger und verlässlicher. Allein die aktuellen Erfahrungen mit den Druckwasserreaktoren (EPR) Flamanville in Frankreich und Hinkley Point in Großbritannien würden diese Argumente jedoch widerlegen: Planungsziele bezüglich Zeit und Finanzen könnten, wie bei nüchterner Beurteilung erwartet, nicht eingehalten werden.

Wirtschaftliche Zwänge und Interessen seien auch ein wesentlicher Grund für das zögerliche Umschalten auf Erneuerbare. Daneben sei das zu erwartende Zusammentreffen des Endes der Kohleförderung und des Abschalten der AKWs nicht hinreichend beachtet. Die Langfristigkeit der teuren AKW-Interessen blockierten die vergleichsweise risikoärmere und unkompliziertere Entwicklung der Erneuerbaren. Wie bei dem beliebten Malefiz-Spiel würden sie deren Fortschreiten verhindern, da Gelder ungleich verteilt würden.

Ein besonderes Anliegen der Referentin war es, die Verknüpfung der nicht immer transparenten Ziele militärischer Nutzung der AKW-Technik zu benennen. War es früher nur einer überschaubaren Zahl speziell Interessierter bewusst, dass AKW-Technik und militärische Nutzung physikalisch untrennbar miteinander verbunden sind, sei dies heute nicht mehr zu übersehen. Die zivile Atomkraft sei der Infrastruktur-Garant für die militärische Atomkraft. Beide Konzepte isoliert voneinander zu entwickeln, dazu sei kein Staat in der Lage. Daher würden sie so entwickelt, dass sie modular nutzbar seien.

So sei für die militärische Strategie des Zweitschlages, den jeder Gegner in einem Atomkrieg befürchten muss, die Entwicklung von U-Booten entscheidend, die auf den EPR-Reaktortyp angewiesen sind. Das erkläre die britische Atom-Affinität, obwohl auf der britischen Insel optimale Bedingungen für die Nutzung alternativer Energien bestünden.

Das Interesse an dem großen Thema kam auch in der anschließenden Diskussion zum Ausdruck. Auch wenn einigen Zuhörern die militärischen Aspekte nicht behagten, wurde die zentrale Fragestellung immer wieder deutlich: Erleben wir eine Renaissance der Atomenergie, z.B. in Form neuer Technologien wie neuartiger Schneller Brüter oder Thorium-Technologie? Oder schaffen es die klimafreundlichen Erneuerbaren, sich langfristig durchzusetzen. Die Botschaft des Abends: Der Wandel sei technisch machbar, wenn er von den Bürger*innen mitgetragen, politisch gewollt und damit wirtschaftlich umsetzbar sei. Was in Frankreich für die Atomwirtschaft gälte, sei für das Autoland Deutschland der Ausbau z.B. der Elektromobilität, aber nicht mit immer größeren und schnelleren PKWs, sondern mit kleineren und leichteren E-Modellen, die weniger Energie bräuchten, um ihre Zwecke zu erfüllen.

Dr. Michael Fietzek, IPPNW-Mitglied der Gruppe Nürtingen