Sie vergessen uns nicht – und das alleine zählt

Die Wohnsiedlung mit Park in Diyarbakir. Foto: IPPNW

Ich bin seit Mittwochabend wieder in Deutschland. Der Rückflug ließ sich bei Turkish Airline problemlos umbuchen, obwohl es zunächst hieß, dass eine Ausreise frühestens am 17. April wieder möglich sein würde. Am Flughafen in Hamburg gab es außer der normalen Passkontrolle keinerlei Befragungen oder Temperaturmessungen.

Ein paar Schlaglichter zum Schluss:
Corona war kein Thema, bis Präsident Erdogan aus Brüssel zurückkam und erste Krankheitsfälle bekannt wurden. Danach stiegen Angst, Panik, Verschwörungstheorien und Hamsterkäufe sprunghaft an und es gab nur noch dieses eine Thema. Die Menschen haben kein Vertrauen in die Maßnahmen der Regierung. Die besondere Bedrohung der Armen, der Flüchtlinge in den Camps und der Menschen im Kriegsgebiet wurde nur in der Ärztekammer thematisiert und auch die Situation der Gefangenen in den überfüllten Gefängnissen.

Corona war es auch geschuldet, dass meine Reisegefährt*innen ihre Reise stornieren mussten. So war ich denn mit der Dolmetscherin Serra eine Ein-Frau-Delegation. Ich war die ganze Zeit über Gast bei ihr und ihrer Familie in einem der Neubauviertel und lernte so ein ganz anderes Diyarbakir kennen, modernes Großstadtleben, das sich vordergründig wenig von dem in einer deutschen Großstadt unterscheidet. Die etwa 10-stöckigen Hochhäuser sind von Mauer und Zaun mit einem Wachmann oder zumindest mit einem verschlossenen Tor umgeben, die Wohnungen zum überwiegenden Teil Eigentum, das durch erhöhte Mieten in etwa 10 Jahren erworben werden kann. In der 2-Zimmer Erdgeschosswohnung wohnt in unserem Fall mietfrei der Hausmeister mit Frau und sieben Kindern. Überall gibt es sogenannte Parks, Spiel- und Trimmplätze. Die Wege sind sehr weit, sodass man ein Auto braucht. Einkaufsmöglichkeiten und Gaststätten gibt es allerdings auch in der näheren Umgebung und natürlich eine Moschee.

Das staatliche Krankenhaus ist neu auf der grünen Wiese gebaut worden. Aus der Innenstadt braucht man mit dem Bus bis zu zwei Stunden. Zwischen den Hochhäusern gibt es ab und zu noch Grünstreifen, auf denen sich kleine Bauernhöfe halten. Einen haben wir besucht, weil Serras Familie hier ihre Eier bezieht. Die Bäuerin hält Hühner und ein paar Ziegen. Sie hat das Haus gemietet und noch hat der Besitzer das Land nicht für neue Hochhäuser verkauft. Eine andere Hofstelle, auf der Kühe weiden, soll Grünfläche bleiben. Die Stadt will hier einen Park anlegen.

Die zerstörten Teile der Altstadt Sur, auch des zwangsgeräumten und abgerissenen Viertels Lalibe sind weiterhin abgesperrt. Von der Mauer aus und durch eine Lücke im Zaun kann man den Fortgang der Bauarbeiten beobachten. Uniforme weiße 2-stöckige Häuser, dicht an dicht. Sie sollen 500.000 türkische Lira kosten. Das ist beim derzeitigen Wechselkurs von 1:7 für deutsche Verhältnisse wenig, hier aber für keinen der früheren Bewohner*innen erschwinglich. Die Läden in den Geschäftsstraßen haben ihre einheitlichen Fassaden und Schilder. Es herrscht lebhafter Verkehr und Handel. Im großen Basar gibt es immer noch wenig Kundschaft. Die Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften hält sich im gewohnten Rahmen. Für die Absage des Newrozfestes braucht es in diesem Jahr keinen politischen Grund.

Auch wenn ich in diesem Jahr alleine war und viele Gespräche nicht stattfinden konnten, haben die Freunde in Diyarbakir das Signal unserer Solidarität bekommen. „Die Delegation aus Deutschland war auch dieses Jahr da. Sie vergessen uns nicht“. Und das alleine zählt.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW.

3 Gedanken zu „Sie vergessen uns nicht – und das alleine zählt

  1. Liebe Gisela, vielen Dank für Deinen sehr interessanten und anschaulichen Bericht. Es lohnt sich, den weiterzuleiten an „Weltspiegel“ und „Auslandsjournal“, die ich gerne gucke. Alles Gute! Deine Viktoria

  2. Liebe Gisela,
    ich habe mich sehr über deinen Bericht gefreut. Dein Fazit hat mich sehr berührt, Ich hoffe, dass ich dich in einem der nächsten Jahre noch einmal begleiten kann.
    Rainer Kohlhaas

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