„Wir wollen auch die Friedensutopien der Kinder hören“

Diyarbakir, Kinder am Straßenrand, 2017. Foto: IPPNW (Bild bearbeitet)

Der Verein „CocukCa“ für benachteiligte Kinder,
Onlinebesuch in Diyarbakir am 6. April 2021

Vor unserem eigentlichen Gespräch erfahren wir von Serra, dass es am Vortag eine Razzia im Büro des Frauenvereines „Rosa“ gab, sowie parallel die Festnahme von bisher 22 Frauen, die aber nicht Aktivistinnen dieses Vereins gewesen seien. Das entbehre „wie immer aller Logik“. Sigrid berichtet, dass in der deutschen Presse dazu nur von den üblichen Terrorismusvorwürfen die Rede war. Propaganda und staatliche Repression werden hier nicht weiter hinterfragt.

Spenden aus dem Ausland kontrolliert zuerst der Gouverneur

Es ist ein sehr lebendiges Treffen heute mit Sengül, Cihat, Baris und kurz auch Ramazan, den jungen Leuten von „CocukCa“ (Çocuk Çalışmaları Derneği: Facebook-Seite) aus Sur, der von Belagerung 2016 und Zerstörung betroffenen Altstadt von Diyarbakir. Wie Sengül ist auch Serra im neugewählten Vorstand, unsere Dolmetscherin heute also in Doppelfunktion. Alle arbeiten ehrenamtliche und erhalten für ihren vielfältigen Einsatz keinerlei Honorar. Mit den Resten einer Spende aus Köln konnten sie 2020 diesen Verein gründen. Viele Eltern und Ehrenamtliche, die in den letzten Jahren ihre Arbeit durch Berufsverbote verloren haben, brächten sich jetzt professionell als Pädagogen, Physiotherapeuten, Lehrer, Ärzt*innen u.a. ein. Aus der Baustelle vom letzten Jahr sei ein Treffpunkt mit Raum und Innenhof geworden. Hier werden Workshops, Hausaufgabenhilfe und Vorbereitungskurse für die zentrale Uni-Aufnahmeprüfung angeboten. Eine Bibliothek für Kinder- und Fachbücher sei im Aufbau. Serras Traum eines Bücherbusses für Kinder sei bisher erst in Gaziantep in einem Kleinformat verwirklicht worden.

Alle freuen sich, Gisela wiederzusehen, die als Einzige in 2020 zu einer Prozess-Beobachtung in Diyarbakir war und den Verein besuchte. Auf unsere Frage, ob Auslandshilfe nicht verdächtig oder gefährlich für sie sei, kommt die Antwort, dass der Vali (Gouverneur) alles kontrolliere. Dreimal habe „CocukCa“ schon Hilfe vom Goethe-Institut Istanbul bekommen. Da sei nichts passiert. Jetzt aber sei eine sofortige Überprüfung erfolgt wegen einer Hilfe aus dem Ausland. Vom Verein „Flüchtlingskinder Diyarbakir“ aus Karlsruhe laufen Fördermittel noch bis Ende 2021. Anträge für zwei hauptamtliche Stellen seien bei der inländischen Sabanci-Stiftung gestellt. Ohne Hauptamtliche sei die weitere Arbeit mit den Kindern nicht machbar. Ohne Anträge im Ausland wie dem beim Goethe-Institut für ein Kinderfilmfest aber auch nicht.

Zwangsverwaltung nun auch für Vereine

Bedrohlich sei ein Gesetz, das trotz Protesten vor zwei Monaten im Parlament in Ankara angenommen wurde. Demnach ist es jetzt möglich, auch Vereine unter Zwangsverwaltung zu stellen und ihre Konten einzufrieren. Unsere Gesprächspartner*innen befürchten, „2021 wird es viele Kontrollen bei Vereinen geben“.

Die Folgen werden sich erst in Zukunft zeigen: Friedensarbeit und Utopien

Sengül, Cihat und Baris sprühen vor Ideen und Hoffnung. Als Ärztin kurz vor Examen, Mathelehrer unter Berufsverbot und Physiotherapeut in einer privaten (!) Einrichtung für behinderte Kinder bringen sie eine hohe Professionalität mit ein. Die Basisarbeit von „CocukCa“ (Hausaufgabenhilfe, Uni-Zulassungskurse,  jährliche Ausgabe von Kleidungs- und Schulmaterial) sei bildungsorientiert und lebenspraktisch. Im Spielangebot für die Kleinen oder Workshops zu Philosophie, Gesundheit, Fotographie, Malen oder Geschlechtergerechtigkeit für die Großen könne Kindern aber auch ein therapeutisches Angebot gemacht werden. Die Kinder dieser Stadtteile hätten Tod und kriegerische Auseinandersetzung direkt miterleben müssen, haben zum Teil Brüder und andere nahe Angehörige verloren. Über die Menschenrechts-Stiftung TIHV gebe es Einzeltherapien für Kinder und Familien. „CocukCa“ wolle mit seinen Angeboten an kollektiver Heilung arbeiten, Traumatisierung und Repressionsfolgen Friedensarbeit entgegensetzen.

Hier haben wir die Mitglieder des Vereins bei unserer Reise 2020 getroffen. Foto: IPPNW

Verschärft haben sich die Traumatisierungen durch die Isolation in der Pandemie. Am 11. März 2020 seien die Schulen in der Türkei geschlossen worden. Den wenigsten Familien in der Region stünden Tablets oder PC zur Verfügung. Mit veralteten elterlichen Handys gebe es keinen Zugang zum Online-Unterricht oder anderen Lernprogrammen. Manche Dörfer hätten nicht einmal Netz. So haben Tausende von Kindern ein Jahr lang keinen oder kaum Unterricht gehabt. Unter Wohnraumknappheit und Verarmung steige die Gewalt in den Familien, die meist drei oder vier Kinder hätten. Die Folgen seien noch unabsehbar. Umso wichtiger sei die Frage: Wie überhaupt mit Kindern über Frieden reden?

Seit vier Jahren erarbeite der Verein „RengaRenk“ Module zu Themen von Frieden und Zusammenleben ohne Vorurteile, zur Zeit einmal pro Woche online. Serra und Baris machen mit. Wenn diese Module fertig sind, sollen sie kindgerecht ausgestaltet werden. Alle können sich sogar vorstellen, ein Friedensdorf aufzubauen und Kinder zu Tagestreffen und Erholung einzuladen und dort Utopien zu diskutieren. Die Suche nach einem Grundstück habe schon begonnen. Nesmil betont, wie heilsam und wichtig innere Bilder seien, Kinder auch ihre Hoffnungen und Utopien malen zu lassen. Christa berichtet von „ihrer“ Geflüchteten-Unterkunft in Mainz mit 300 Menschen und vielen Kindern, die im Lockdown bei Ausschluss aller ehrenamtlichen Unterstützung ein Jahr keinen Unterricht mehr gehabt haben. Es wird deutlich, wie wenig hier wie dort Spaltung, Armut und Pandemiefolgen für Kinder aufgearbeitet sind. Anders bei der deutschen Suche nach einer staatlichen Lösung hat sich ein Verein wie „CocukCa“ in Diyarbakir aber schon auf den Weg gemacht.

Vereinsarbeit –  die Kinder von „Sarmasik-Efeu“

Oftmals taucht in unserem Gespräch der inzwischen verbotene und angeklagte Verein „Sarmasik“ („Efeu“) auf, den wir in den Jahren des Friedensprozesses in Diyarbakir besuchen konnten. Hier wurden Stipendien für Kinder und Jugendliche und humanitäre Hilfe vergeben. In Zusammenarbeit mit „Sarmasik-Efeu Europa e.V“ fußte er auf dem Einsatz der Diaspora in vielen europäischen Ländern, die bei Besuchen in der alten Heimat von der herrschenden Not und Gewalt erschüttert war. Wie die Schülerin Güllü Güler, die 2007 nach einer Reise die Initialzündung gab und Mitstreiter und Mitstreiterinnen hier wie dort zu suchte. Es entstand ein langfristiger Hilfsansatz und erstmalig wurde nach völlig transparenten Vergabekriterien vorgegangen.

Immer wieder scheinen Konzepte und Ideen dieses Vereines in unserem Gespräch durch, findet Erwähnung, dass noch Spenden für ähnliche Hilfe verwendet werden konnten. Es verwundert nicht, als gegen Ende unseres Austausches klar wird, dass Sengül, Cihat und Baris alle Absolventen/in von „Sarmasik“-Programmen sind und sich dort kennengelernt haben. Ihre Utopien für eine nachhaltige Friedensarbeit setzt nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen an, bevor sie Hardliner der einen oder anderen Seite werden können. Sie selbst sind auch ein lebendiges Beispiel, wie durch Bildungsarbeit Professionalität und Heilung in der Region entstehen und in der Region gehalten werden können. Nachdem Kommune-Arbeit wie im Friedensprozess seit 2015 durch die Regierung abgebrochen und kriminalisiert wird, halten engagierte NGOs wie „CocukCa“ die Hoffnung auf ein Ende von Verarmung und Gewalt am Leben. Sengül, Cihat und Baris bringen zum Ausdruck, wie wichtig ihnen internationaler fachlicher Austausch ist, z.B. auch die Teilnahme an einem Kongress hierzu in Europa. Wir können dazu nichts versprechen, werden aber gerne daran arbeiten und wenn die Pandemie überstanden ist, auch wieder nach Diyarbakir reisen. „Wir halten Euch auf dem Laufenden“, geben uns die drei mit auf den Weg.

Dr. Elke Schrage ist IPPNW-Mitglied.

Ein Gedanke zu „„Wir wollen auch die Friedensutopien der Kinder hören“

  1. Schön über die Hoffnungsmachenden Aktivitäten der Gruppen zu lesen! Jedoch möchte ich anmerken das hier in Deutschland und sicher auch in vielen anderen Länder, von einer zu frühen Digitalisierung in Schulen u überhaupt, für Kinder in jungen Jahren abzuraten ist! https://eliant.eu/…/petition-2018-fuer-ein-recht…/…
    Ich trage ihre Arbeit u wirken im Herzen u begleite sie mit guten u Unterstützende Gedanken für ein weiteres gelingen des Friedensprozess

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