Ein vielfältiges Bild zivilgesellschaftlicher Aktivitäten

Auf dem Bahnhof mit all unserem Gepäck.

Auf dem Bahnhof mit all unserem Gepäck. Foto: IPPNW

Rückblick: Deutschlandreise von Partnern aus Diyarbakir

Eine Woche schon hat uns der Alltag wieder, seit einer Woche sind unsere Gäste aus Diyarbakir – bisher unbehelligt – wieder zu Hause. Es waren drei sehr intensive Wochen, in denen wir uns kennengelernt haben, drei Wochen mit einem ehrgeizigen Programm, mit vielen Begegnungen, vielen Gesprächen, fruchtbarem Austausch über die Arbeit der Zivilgesellschaft hier und dort in Krisenzeiten, drei Wochen, in denen Kontakte geknüpft und weitere Zusammenarbeit verabredet wurde.

In den beiden vorangegangen Blogs haben wir über die Tage in Braunschweig und Hannover und über den Besuch in der IPPNW-Geschäftsstelle berichtet. Wir waren auf Vermittlung des IPPNW-Vorstandsmitglieds Robin Maitra Gäste der Bundesärztekammer, wo sich neben dem Menschenrechtsbeauftragten Dr. Bobbert und dem Präsidenten Dr. Klaus Reinhardt vor allem Dr. Domen Podnar aus der Abteilung Internationales für uns Zeit nahm: „Wenn wir etwas für andere Menschen tun wollen, müssen wir auch geschützt sein. Auch wenn die Gefahr für die kurdischen Besucher in ihrer Heimat ungleich größer ist und vom Staat ausgeht, so gibt es doch auch in Deutschland zunehmend Angriffe und Gewalt gegen Ärzt*innen – von Extremisten, aber auch von der Regierung.“

Beim Verein Yekmal e.V. trafen wir Menschen, die sich um die kurdische Muttersprache der in Berlin lebenden Kinder von kurdischen Migranten und Geflüchteten bemühen und in 25 Jahren Arbeit jetzt langsam Erfolge und Anerkennung erfahren. Mustafa hat hier während seiner Ausbildung ein Praktikum gemacht und war den Mitarbeiter*innen in guter Erinnerung. Auch Serra und Rengin trafen in Berlin Freunde und Bekannte. Das Programm ließ Zeit auch für diese persönlichen Treffen. Wir besuchten die BAFF, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren, die Vertreterin eines geplanten Gesundheitskollektivs in Neukölln, die Stadtteilmütter und die Ausstellung zu den NSU-Prozessen in der Kantine des Gorki-Theaters.

In Frankfurt schloss sich Yeter der Gruppe an. Sie ist die Leiterin des Vereins Rengarenk Umutlar, die ebenso wie Serra in Diyarbakir mit den kriegstraumatisierten und benachteiligten Kindern arbeitet. Beim VdÄÄ sprachen wir über die internationale Arbeit, die in letzter Zeit vernachlässigt worden sei, und überlegten, wie Kontakte und Solidarität mit der Türkischen Menschenrechtsstiftung TIHV gestärkt werden könnten. Wir trafen die Organisation „Ferien vom Krieg“ des Komitees für Grundrechte und Demokratie, die Friedensarbeit mit Kindern aller Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Ferienaufenthalten am Meer gemacht haben. Ihre Erfahrungen waren für unsere Gäste sehr wertvoll, da sie den Aufbau eines Friedensdorfes für die Kinder von Diyarbakir planen. E-Mail-Adressen wurden ausgetauscht. Dann zeigte uns unser langjähriger Dolmetscher Mehmet, der seit ein paar Jahren nicht mehr in die Türkei reisen kann, einen seiner interkulturellen Kindergärten. Nachdem er lange Jahre mit Jugendlichen gearbeitet hat, legt er den Schwerpunkt seiner pädagogischen Arbeit auf die Früherziehung, da hier die wichtigen Weichen gestellt werden für die soziale Entwicklung.

Die Reisegruppe Im Zentrum für Traumatherapie in Hanau. Foto: IPPNW

 

In Mainz waren wir Gäste unseres Mitglieds Christa Blum. Sie und ihre Freunde brachten uns nach Hanau zum Zentrum für Traumapädagogik. Der Besuch dort war für mich und auch für unsere Gäste einer der Höhepunkte der Reise. Statt der geplanten zwei Stunden verbrachten wir dort den ganzen Tag im intensiven Austausch über die Arbeit mit traumatisierten Kindern, ihren Familien und Erzieher*innen. Die Mitarbeiter*innen des Traumazentrums machen in erster Linie Schulungen in Heimen, in Kinderdörfern, in Pflegefamilien und zunehmend auch in Kindergärten. Sie haben auch in einem Kinderheim in Kobane/Rojava Schulungen für Eltern und Erzieher*innen angeboten. Das letzte Modul konnte leider wegen der geschlossenen Grenzen und der Gefahr neuer türkischer Angriffe noch nicht durchgeführt werden. Schutz vor Resignation und Kraft für die Arbeit kommt aus einem professionellen Team, der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen, Supervision, Schulung und Selbstschutz, darüber waren sich Gäste und Gastgeber einig.

Nach einer Stadtführung in Mainz ging es auf den letzten Parforce-Ritt durch Süddeutschland. In Karlsruhe, Stuttgart Ulm und München ging es schwerpunktmäßig um die konkrete Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten im Rahmen der verschiedenen psychosozialen Zentren für traumatisierte Flüchtlingen. Dabei stellten wir gemeinsam fest, dass die Arbeit mit Folteropfern in der Türkei so wie hier mit Flüchtlingen durch die extreme Unsicherheit, in der die Klienten leben, sehr erschwert ist. In der Türkei kommt noch dazu, dass die engagierten Heilberufler für ihre Arbeit mit staatlichen Repressionen rechnen müssen und jederzeit vor Gericht oder gar ins Gefängnis kommen können.

Daneben fanden die Rehabilitationsprojekte für Flüchtlingskinder bei der Caritas Ulm und bei Refugio München großes Interesse bei unseren Gästen. Zum krönenden Abschluss besuchten wir die Kunstwerkstatt für Flüchtlingskinder in München. Die Kunsttherapeut*innen bieten Jugendlichen, in den Ferien auch Kindern, Workshops an. Sie arbeiten auch in den Unterkünften, in denen die Kinder oft über viele Jahre in beengten Verhältnissen leben müssen. Ein Hiphop-Künstler arbeitet oft über viele Jahre mit den Kindern und Jugendlichen im Musikstudio. Sie veranstalten Festivals und haben schon mehrere Preise gewonnen. Besonders effektiv war der Austausch mit dem Unterstützungsverein Kinder in Diyarbakir in Karlsruhe, wo neue konkrete Unterstützungsprojekte vereinbart wurden.

Bei der Landesärztekammer in Stuttgart kam ausführlich die Situation von Ärzt*innen unter den Bedingungen der staatlichen Repression zur Sprache, was bei den deutschen Gesprächspartner*innen große Betroffenheit auslöste. Es wurde überlegt, wie von hier aus effektive Solidarität geleistet werden kann. Von den kurdischen Gästen wurden die Prozessbeobachtungen ins Spiel gebracht.

Fazit

Ein buntes, vielfältiges Bild zivilgesellschaftlicher Aktivitäten konnte den Gästen aus Diyarbakir vermittelt werden. Neue Kontakte wurden geknüpft. Bei den Aktiven in Initiativen, Vereinen und Institutionen hier in Deutschland konnte eine größere Sensibilität zur Lage der Menschenrechtsarbeit im Südosten der Türkei geweckt werden. In den Begegnungen und Gesprächen erfuhren die Gäste großen Respekt für ihren Mut und ihr ruhiges, bestimmtes Auftreten bei der Beschreibung ihrer Situation. Übereinstimmend stellten die Gäste fest, dass sie von dem, was sie gesehen und gehört haben, für ihren Alltag profitieren konnten. Einige Gesprächspartner*innen zeigten Interesse, an der für März 2022 geplanten Delegationsreise in die Türkei teilzunehmen. Die persönliche Begegnung löst viel intensivere Emotionen und Verständnis aus als alle Berichte – sie war auch für uns Begleitpersonen sehr bereichernd.

Wir danken allen, die uns und unsere Gäste freundlich und gastfreundlich empfangen haben. Die jungen Menschenrechtler aus Diyarbakir waren wunderbare Botschafter ihrer Sache.

Dr. Gisela Penteker leitet die Reisen von IPPNW-Mitgliedern in die Türkei.

2 Gedanken zu „Ein vielfältiges Bild zivilgesellschaftlicher Aktivitäten

  1. Ein toller Bericht über eine tolle Reise! Es ist so gut zu hören, wie viele Menschen die Initiative ergreifen, um auf vielfältige Weise die verschiedenen Probleme von Menschen in der Türkei und in Deutschland anzugehen. Vielen Dank!

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