Individuelle und kollektive Traumata – wie gehen Aktivist*innen der Zivilgesellschaft damit um?

Zu Besuch beim Bürgermeister von Dersim

Auf den verschiedenen Stationen unserer diesjährigen Reise und den Besuchen bei Gruppen der aktiven Zivilgesellschaft trafen wir immer wieder auf Menschen, die an den Folgen der seit vielen Jahren bestehenden Gewalt und Repression leiden. Nun waren wir zwei Jahre nicht hier und erleben eine deutliche Vertiefung der traumatischen Wunden, besonders bei den Aktiven.

In Van können seit sechs Jahren keine öffentlichen Presseerklärungen zu Problemen und Schwierigkeiten vor Ort veröffentlicht werden, ohne dass es zu juristischer Verfolgung (Polizeivorladungen, Anklagen, Verhaftungen, Gefängnisstrafen) kommt. Formal ist der Ausnahmezustand zwar aufgehoben, aber das Verbot jedweder politischer öffentlicher Äußerungen wird willkürlich vom Gouverneur (Vali) alle zwei Wochen verlängert. Stellen Sie sich vor, wie ohnmächtig Sie sich als kritisch aktiver Mensch empfinden müssen, die eigene demokratische Stimme nicht mehr erheben zu können, ohne gewiss zu sein, dafür bestraft zu werden?

Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist der Versuch, auf internationalem Parkett z. B. die beklemmende Situation der Geflüchteten darzustellen, wie der Präsident der Anwaltskammer Van (wir berichteten bereits darüber). Wenn die Antwort darauf ist „Wir sind mit der Flüchtlingspolitik der Türkei zufrieden.“, wird die Hoffnung auf Solidarität, der Glaube an demokratische Werte oder auch die eigene Identität und Würde zerstört.

In Dersim erfuhren wir sehr authentisch, was es heißt, das erlittene kollektive Trauma der Zwangsverwaltung nicht anzuerkennen. Die gewählten Ko-Bürgermeister*innen von der HDP sind immer noch im Gefängnis, nur weil sie von der Bevölkerung gewählt worden sind. Eine hochemotionale Diskussion entfachte sich an unserer Frage, was das besondere an Dersim wäre, dass sich ein fortschrittlicher kommunistischer Bürgermeister im Amt halten könnte. Von „diese Frage darf eigentlich gar nicht gestellt werden“ bis hin „Wir leiden wie alle anderen Städte auch unter der Zwangsverwaltung, die Situation für uns ist doch gleich und ist sehr schlecht“ kam es zur einhelligen Ablehnung, sich der Frage nach eigenen Möglichkeiten, Stärken und Ressourcen zu stellen und lieber in der „Opferhaltung“ zu bleiben. Welch großer, tiefsitzender kollektiv kränkender Schmerz wurde durch die für sie Außenstehenden bei den politisch Aktiven der demokratischen Plattform aktiviert!

In Diyarbakir sind der Krieg 2015/16 und die anschließende unwiderrufliche Zerstörung der historischen Innenstadt das spürbare Trauma, das sich durch alle unsere Gespräche zieht. Mehr als 50.000 Menschen verloren ihre Häuser und die wirtschaftliche Existenz, da auch viele Hunderte kleiner Handwerksbetriebe und Geschäfte zerstört wurden. Die vertriebenen Menschen leben meist entwurzelt und ihrer sozialen Lebensstruktur beraubt an den Rändern in Trabantenstädten. Einer Aktivistin kamen an diese Erinnerung sofort die Tränen, die Gesprächsatmosphäre fanden wir viel gedrückter, der Krieg mit den Gewalterfahrungen und den anschließenden niederschmetternden Verlusten war auf einmal wieder gegenwärtig. Krieg ist eben nicht vorbei, auch wenn die Kriegshandlungen beendet sind.

Dieser Schmerz, aber auch die unterdrückte Wut war auch in der Architektenkammer zu spüren. Als NGO sind sie fachlich von jeglichen Einflüssen auf die Stadtentwicklung ausgeschlossen, ihnen bleibt als Fachleute lediglich die Dokumentation der Zerstörung, die mit den sterilen und teuren Neubauten dort vollendet wurde. Obwohl die Altstadt von Diyarbakir, der Stadtteil Sur, zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, hat sich bisher noch kein offizieller Vertreter der UNESCO hier blicken lassen und die nachhaltigen Schäden am Charakter dieser Stadt aufgenommen. Auch diese hochengagierten Fachleute leiden an der doppelbödigen Haltung der internationalen Öffentlichkeit, wo doch an anderen Orten Sanktionen schon beim Bau einer einfachen Brücke (siehe Dresden) angedroht werden. Das fachliche Wissen und Können der Architekten wird einfach ignoriert. Das wirkt auf die Dauer schwer traumatisierend.

Ein letztes Beispiel: Obwohl die pandemische Situation den personellen Mangel an Ärzt*innen, Krankenschwestern und -pflegern offenkundig machte und zu einer deutlichen Verschlechterung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung führte, wurden die zuvor mit Berufsverboten Entlassenen trotz ihres Antrags zum größten Teil nicht wieder eingesetzt. Selbst das Angebot, ehrenamtlich und kostenlos zu arbeiten, wurde von den zentralen Regierungsstellen ausgeschlagen. Es ist ein Skandal, dass Angehörige der Heilberufe ihren Pflichten und Aufgaben nicht nachkommen dürfen, nur weil sie einer angeschlagenen Regierung nicht genehm sind. Diese Erniedrigung setzt zusätzliche seelische Wunden, die nicht so schnell verheilen werden.

Selbst für die Jüngeren und Auszubildenden, die sich trotz der schwierigen Situation mit Enthusiasmus fortbilden und den Anschluss an das allgemeine Wissen nicht verlieren wollen, wird der Austausch mit Fachkräften von außerhalb in vielen Fällen verwehrt. Wir konnten uns auf unserem gemeinsamen Fachtag von dem großen Interesse überzeugen. Uns wurde berichtet, dass viele Hunderte Visa, die für einen fachlichen Austausch in Deutschland und Europa bei den jeweiligen Botschaften gestellt wurden, von den europäischen Botschaften und Konsulaten abgelehnt wurden. Ihnen wurde unterstellt, dass sie nur ausreisen wollten, um im Ausland zu bleiben. Hier arbeiten offensichtlich staatliche Stellen Hand in Hand mit dem türkischen Regime und nehmen jungen Menschen, die ihr Land und ihre Gesellschaft trotz aller Einschränkungen voranbringen wollen, das Recht auf Austausch von Wissen, Bildung und fachliche Weiterqualifikation.

Was können wir als Zivilgesellschaft in Deutschland und Europa tun?

Wir sind ja, besonders in Deutschland, für die häufig so verzweifelte Situation mitverantwortlich. Jahrelang haben wir die Türkei mit militärischen Mitteln aufgerüstet und gleichzeitig die Augen davor verschlossen, dass diese Waffen gegen die Bevölkerung der Türkei sowie in den Nachbargebieten der angrenzenden Länder völkerrechtswidrig eingesetzt werden. Wir können das nicht oft genug immer wieder sagen, besonders angesichts eines 100 Milliarden Aufrüstungsprojektes, das dann ausgesonderte Waffen in genau diese Länder entsorgt oder einer aufgepäppelten Rüstungsindustrie Anschlussprofite garantiert. Darauf haben uns auch mehrere Gesprächspartner*innen hingewiesen.

Wir dürfen das Leid, die jahrelange Unterdrückung, den Krieg gegen die eigene Bevölkerung mit ihren traumatisierenden Menschenrechtsverletzungen nicht ignorieren, wie es unsere Regierungen faktisch tun. Als Therapeuten und Therapeutinnen wissen wir aus unserer Arbeit, wie wichtig Zeugenschaft und Anerkennung des erlittenen Leids zur Schließung seelischer Wunden sind. Das gilt auch für kollektive Traumata ganzer Völker oder Bevölkerungsteile. Als Zivilgesellschaft können wir zu Prozessbeobachtungen fahren, zivilgesellschaftliche Gruppen und aktive Einzelpersonen besuchen und so das Gefühl der Isolation durchbrechen.

Wir müssen deutlich machen, dass die kurdische Bevölkerung zu unserer eigenen Freiheits- und Demokratieentwicklung modellhaft viel beitragen kann, wenn wir ihre Stimme hörbarer machen, das gilt auch innerhalb der IPPNW.

Wir sollten dafür kämpfen, dass vor allem in der jüngeren Generation ein menschlicher, bildungsmäßiger und fachlicher Austausch intensiviert wird. Wir können von den vielen hochgebildeten jungen Menschen in Kurdistan lernen, ebenso wie sie von unseren Erfahrungen. Wir haben gemeinsame existenzielle Zukunftsprobleme zu bewältigen, die wir nur mit einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Willen auch lösen können. Dabei können wir uns auf Regierungen und staatliche Stellen nicht verlassen. Wir müssen diesen Austausch selbst in die Hand nehmen. Davon werden wir alle in Zukunft profitieren und so können die schweren seelischen Wunden auch vernarben.

Ernst-Ludwig Iskenius, IPPNW

Ein Gedanke zu „Individuelle und kollektive Traumata – wie gehen Aktivist*innen der Zivilgesellschaft damit um?

  1. Danke für den Bericht, auch wenn er traurig macht.. Erst waren es die Flüchtlinge, die die EU daran gehindert haben, die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei zu thematisieren, nun ist es zusätzlich die angebliche Vermittlerrolle zwischen NATO und Rußland, die Mund und Ohren verschließen. Die Doppelmoral setzt sich fort. Leider beteiligt sich ein Großteil der Presse in Deutschland am Schweigen oder Verleugnen.

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